DIE VERSCHOLLENEN NUTZPFLANZEN DER INKAS

Auf den steilen, bis 4000m hohen Hängen jener Gebirgskette die den ganzen Südamerikanischen Kontinent durchquert und die enorme klimatische Bandbreite von polar bis tropisch ihrer Heimat nutzend, haben die Inkas, und ihre Vorgänger, eine Vielzahl von Nutzpflanzen angebaut. Man geht von mindestens 70 Arten aus, d.h. etwa gleich viel wie alle Kulturpflanzen der Bauern Europas zusammen.

Durch die bemerkenswerte kollektive Organisation und die Produktivität ihrer Landwirtschaft hatten sie jeweils Vorräte für drei bis sieben Jahre eingelagert um 15 Millionen Einwohner zu ernähren. Die gesamte Transportarbeit dieses komplexen Versorgungssystems wurde von den Lamas geleistet.

In den Anden folgen die eingeborenen Quechua und Aymara-Indianer seit Urzeiten dem Ideal das Leben zu unterhalten, zu nähren. In ihrer Welt ist alles beseelt und hat seinen Platz. Die Natur, die Menschen und die Gottheiten bilden einen Verwandtschaftsverband. Die bestellte Erde ist der Raum wo diese Verwandtschaftsbeziehung am intensivsten zum tragen kommt, dank der vereinten Anstrengungen aller Beteiligten. Die drei Gruppen die diese Gemeinschaft bilden werden als ebenbürtig angesehen.

Sie sind voneinander abhängig und wachen über das gemeinsame Wohl in einer kollektiven “Pflege des Lebens”.

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Die Bergwelt der Anden ist kein Universum von Dingen, Objekten, Institutionen, von Ursache und Wirkung, sondern ein System der Erneuerung, der Unterstützung, des Gebens. Die dazu notwendige Harmonie wird einerseits durch ein vorgegebenes moralisches und soziales Verhalten, anderseits durch eine Reihe von Ritualen und Festen, bei denen die Lamas eine zentrale Rolle spielen, erreicht und erhalten.

Die Zeit ist hier eng verknüpft mit dem Fluss des Lebens: den Rythmen und Zyklen des Mondes, der Sonne, des Klimas und der Landwirtschaft und deshalb eher zyklisch als linear.

Pizarro und die meisten der spanischen Eroberer, sowie in ihrem Gefolge die katholischen Priester und Mönche, verfolgten die Eingeborenen, zerstörten ihre Traditionen und vernichteten weitgehend dieses komplexe und hochstehende landwirtschaftliche System.

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Nutzplanzen die seit Jahrtausenden hoch geschätzt worden waren, wurden gewaltsam durch europäische Arten, insbesondere Karotten, Weizen, Gerste und Pferdebohnen, verdrängt. Ebenso die Lamas und die Alpakas von den Ziegen, Schafen und Rindern, Eseln und Pferden der Invasoren. Dieser zoologische, aber ganz besonders auch botanische Kolonialismus hat ein wesentliches Diversifikations-Zentrum der Domestikation von Pflanzen und Tieren von der übrigen Welt abgeschlossen.

Die Bauern des Altiplanos haben einen Teil dieser Schätze der Inkas über die Jahrhunderte erhalten, trotz des mangelnden Interesses, ja sogar der Verachtung ihrer gesellschaftlichen Umgebung.

Es ist äusserst erstaunlich dass über 30 Nutzpflanzen der Inkas noch heute in ihrem Ursprungsgebiet eine isolierte Existenz fristen und kaum irgendwo Beachtung finden. Mit entsprechendem Forschungsaufwand könnten sie möglicherweise erheblich zur künftigen Ernährung der Menschheit beitragen, unter anderem weil sie im allgemeinen äusserst robust und anspruchlos sind.

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In den Anden findet man keine endlosen, fruchtbaren, bewässerten Ebenen. Die indigenen Völker kultivierten ihre Nahrung auf Millionen kleinster Parzellen, übereinandergestaffelt auf steilen Hängen, bis in die kargsten Höhen.

Diese vertikal diversifizierte Landwirtschaft hat einen unerhörten Reichtum an Arten und Sorten geschaffen, von der jede unterschiedliche Ansprüche an Bodenqualität, Bewässerung, Temperatur etc. aufweist.

Die extreme Vielfalt der Pflanzungen wirkte als Versicherung gegenüber Klimaschwankungen und die durch die Höhenunterschiede bewirkte Staffelung der Wachstumsperioden erlaubte es, die Feldarbeiten über einen grösseren Zeitraum zu verteilen und so mehr Land bestellen zu können.

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Auch heute noch gibt es traditionelle indianische Stammesstrukturen, die sich auf einmalige Art und Weise diesen klimatischen Extremen angepasst haben:anstelle von nomadisierenden Lebensweisen, wie in vergleichbaren Zonen in anderen Erdteilen, finden wir hier delokalisierte Stammesformen: Verschiedene Gruppen einer gleichen Gemeinschaft leben in unterschiedlichen Klimazonen, wo sie sich jeweils auf die lokal geeignetste landwirtschaftliche Aktivität spezialisieren und sich gegenseitig mit ihren Ernten beliefern.

Diese durch die Umweltbedingungen der Anden entstandene Anpassungsfähigkeit hat die Region zu einem der vier wichtigsten Zentren der Schaffung von Nutzpflanzenvielfalt der Welt gemacht. Eines der drei weiteren (neben dem Europäischen und dem Asiatischen) ist Mexiko (Mais, Kürbisse, Pfefferschoten etc.), womit die "Pueblos Originarios", die amerikanischen Ureinwohner, im Laufe von zehntausend Jahren Landwirtschaft, einen enormen Beitrag an unsere Ernährung, und mit ihren Heilpflanzen an unsere Gesundheit, geleistet haben.

Die "Conquistadores" wären bestimmt äusserst erstaunt zu sehen, wie grundlegend heute die Tomaten, die Kartoffeln, der Mais, die Pfefferschoten und die Bohnen zur Landwirtschaft und Küche der Alten Welt beitragen. Die aus den Anden stammende Kartoffel ist heute die vierte Ackerfrucht weltweit.

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Die alten spanischen Eroberer würden hingegen feststellen können, dass ihre abschätzige Haltung gegenüber Inkapflanzen wie OCA, TARWI, QUINOA, AMARANTH und dutzenden anderen, noch heute aktuell ist.

LANGSAM BEGINNEN SICH JEDOCH JENE KULTURELLEN SCHRANKEN, WELCHE UNS DIESE PFLANZEN IGNORIEREN LIESSEN, AUFZULÖSEN

Paradoxerweise hat ja diese indianische Knolle den Lauf der Geschichte erheblich verändert, indem sie, durch die Verminderung der Hungersnöte im alten Europa nach ihrer grossflächigen Einführung, die Grundlage für die Übermacht der entstehenden Kolonialmächte gelegt und damit weltweit die endgültige Unterwerfung, bis hin zur Vernichtung, der indigenen Völker besiegelt hat.

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Das grösste Potential dieser Nutzpflanzen liegt zuerst bestimmt in ihrer Heimat, wo sie zur Entwicklung neuer Lebensmittel für die unterernährten Schichten der Bevölkerung dienen werden. In Zukunft können sie aber zu wertvollen Kulturen für die Ernährung des ganzen Planeten werden.

Den Lamas und Alpakas, von der gleichen Kultur geschaffen und für sie lebenswichtig, ist wohl kein ganz so grossartiges Potenzial eigen, aber bestimmt haben auch sie eine Zukunft innerhalb und ausserhalb ihrer heimischen Anden.

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National Research Council, 1989, Lost Crops of the Incas: Little-known Plants of the Andes with Promise for Worldwide Cultivation. National Academic Press, Washington, DC. USA.

 

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